Neuromythos Nr. 1: Gehirnjogging macht intelligent.

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Lässt sich die Intelligenz durch Gehirnjogging steigern?

Ein wichtiger Neuromythos besteht darin, dass sich durch das Lösen von Denksportaufgaben, wie sie beispielsweise in Intelligenztests vorkommen, ganz allgemein die geistigen Fähigkeiten steigern und damit zukünftige Lernprozesse erleichtern lassen. Das Lösen solcher Aufgaben wird oft auch als „Gehirnjogging“ bezeichnet, womit die zugrunde liegende Idee hervortritt, das Gehirn funktioniere im Grunde wie ein Muskel, der sich in gleicher Weise trainieren ließe wie zum Beispiel die Beinmuskulatur durch Jogging. Doch was nützt Gehirnjogging wirklich?

Alles, was Lebewesen erleben und lernen, schlägt sich in einer Veränderung der Hirnstruktur nieder. Verbindungen zwischen Nervenzellen werden aufgebaut, verstärkt, abgeschwächt oder aufgelöst. Lernen wird erleichtert, wenn bereits starke Verbindungen zwischen den Nervenzellen bestehen, die am Lernprozess beteiligt sind. Wann immer man bereits etablierte neuronale Strukturen nutzen kann, fällt das Lernen leichter. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen könnte man tatsächlich meinen, dass die beste Art der Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit das Gehirntraining mit Hilfe von Intelligenzaufgaben sei. So wünschenswert dies auch wäre – nicht zuletzt weil das Material leicht zu beschaffen und überall einsetzbar ist -, so illusionär bleibt es doch. Die Transfereffekte, wenn sie denn überhaupt auftreten, sind nämlich so gering, dass sie in gar keinem Verhältnis zum Aufwand stehen.

Empirische Ergebnisse sprechen eine klare Sprache: Zwar kann man das Lösen solcher Denksportaufgaben ebenso wie das Lösen von Intelligenztests trainieren. Viele Untersuchungen haben aber gezeigt, dass man dadurch nicht intelligenter wird, sondern eben einfach zu einem Experten für das Lösen von Denksportaufgaben bzw. zu einem Experten für das Lösen von Intelligenztests. Das Gehirn funktioniert nämlich nicht wie ein Muskel, der durch Bewegung jeder Art trainiert werden kann. Man kann unser Gehirn auch mit einem Haus mit unzähligen Fenstern vergleichen: Wenn man eines putzt, sind die anderen immer noch schmutzig. Analog dazu trainiert man beim Gehirnjogging immer nur eine konkrete Aufgabe. Gehirnjogging ist also ein cleverer Zeitvertreib, mehr nicht.

Hinzu kommt, dass bei Personen, die regelmäßig das Lösen von Intelligenztests üben, diese Tests ihre Aussagekraft verlieren. Die Situation ist nämlich vergleichbar mit dem Fall, in dem jemand ein Thermometer vor der Messung mit einem Feuerzeug erwärmt: Ebenso, wie das erwärmte Thermometer nicht mehr die wirkliche Temperatur des betreffenden Stoffs oder Körpers anzeigt, ebenso misst auch ein Intelligenztest bei einer Person, die vorher das Lösen von Intelligenztests geübt hat, nicht deren wirkliche Intelligenz. In diesen Fällen wird also das Messergebnis durch das Erwärmen bzw. durch das Training mit den Intelligenztests verfälscht.    

Die Befürworter des Gehirnjoggings könnten nun vielleicht einwenden, es gäbe doch sicher Untersuchungen, die belegen würden, dass sich durch das Lösen solcher Denksportaufgaben ganz allgemein die Aufmerksamkeit und die Konzentration verbessern und die Intelligenz steigern lassen. Tatsächlich verhält es sich aber so, dass es zu den Wirkungen des Gehirnjoggings weitaus weniger Untersuchungen gibt, als oft angenommen wird. Zudem sind die empirischen Ergebnisse weitaus weniger eindeutig, als dies in den Medien sowie von kommerziellen Anbietern solcher Trainings gerne dargestellt wird. 

Ein gutes Beispiel ist die Untersuchung des Schweizer Psychologen Walter Perrig und seiner Kollegen, die sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat (Jaeggi et al. 2008). In dieser experimentellen Studie wurde die Hypothese überprüft, ob sich durch das Trainieren von Aufgaben, die hohe Anforderungen an die Aufmerksamkeit stellen – in der kognitionswissenschaftlichen Fachsprache spricht man von Arbeitsgedächtnis – ganz allgemein die Fähigkeit zum Lösen von Aufgaben aus Intelligenztests verbessern. Bei den zu trainierenden Aufgaben ging es darum zu erkennen, welche Buchstaben zusammen mit bestimmten geometrischen Figuren auftreten. Perrig und seine Kollegen konnten zwar zeigen, dass dieses Training kurzfristig positive Effekte auf das Lösen von Intelligenztestaufgaben hat. Allerdings hat der Psychologe Robert Sternberg im Rahmen seiner methodischen Kritik zu Recht hervorgehoben, dass damit noch nichts über die langfristigen Wirkungen dieses Trainings auf die Intelligenz gezeigt wurde (Sternberg 2008). Hinzu kommt noch ein besonders wichtiger Kritikpunkt: Da die Kontrollgruppe im Unterschied zur Versuchsgruppe überhaupt kein Training erhalten hatte, lässt diese Untersuchung keinerlei Rückschlüsse darüber zu, ob es sich bei den positiven Wirkungen dieses Trainings tatsächlich um Effekte handelt, die für dieses besondere Training spezifisch sind. Es kann nämlich durchaus sein, dass einfach der Umstand, dass die Personen in der Versuchsgruppe deutlich mehr Zeit mit Lernen verbrachten, für die positiven Wirkungen verantwortlich ist. 

Ein solcher Effekt wird in der Psychologie als „schooling effect“ bezeichnet. Solche Effekte liegen also immer dann vor, wenn nicht der besondere Inhalt eines Trainings, sondern der bloße Umstand, dass die eine Gruppe deutlich mehr Zeit mit Lernen verbringt als die andere Gruppe, für die Lerneffekte verantwortlich ist. Nicht selten erweisen sich also bei einer kritischen Analyse des methodischen Vorgehens spektakuläre Befunde als voreilige Schlussfolgerungen.

Literatur

  • Jaeggi, S. M., Buschkuehl, M., Jonides, J., & Perrig, W. J. (2008). Improving fluid intelligence with training on working memory. PNAS, 105 (19), 6829 – 6833.
  • Sternberg, R. (2008). Increasing fluid intelligence is possible after all. Proc Natl Acad Sci USA, 105, 6791 – 6792.
 
 
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Sun Apr 23 23:43:12 CEST 2017
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