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![]() Wie lassen sich Wissensimpulse übertragen? Ein zentrales Ziel des schulischen Unterrichts
besteht in der Vermittlung von intelligentem, das heisst auf neue
Situationen anwendbarem Wissen in den naturwissenschaftlichen Fächern.
Auch überdurchschnittlich intelligenten Schülern fällt es nachweislich
schwer, abstrakte Konzepte und Prinzipien aus Physik und Chemie so zu
verstehen, dass sie diese auf neue Phänomene übertragen können, die in
der Lernsituation nicht behandelt wurden. Sie sind daher im Allgemeinen
nicht dazu in der Lage, solche abstrakten Konzepte und Prinzipien
spontan zur Erklärung unterschiedlicher Vorgänge in Natur und Technik
heranzuziehen, denen zwar die gleichen naturwissenschaftlichen oder
technischen Prinzipien zugrunde liegen, die sich aber in ihren
Oberflächenmerkmalen voneinander unterscheiden. Der Grund hierfür liegt darin, dass die menschliche
Kognition ganz wesentlich bereichsspezifisch verfasst ist. Abstrakte
Konzepte und Prinzipien in Physik und Chemie sind daher – wie alle
übrigen Konzepte und Prinzipien auch - häufig im jeweiligen Lernkontext
situiert und können nicht ohne weiteres verallgemeinert bzw. auf neue
Fälle übertragen werden (Stern, 2001; Mähler & Stern, 2006). Für
den Begriff der Kraft und verwandte Konzepte aus der Mechanik wurde
dies in der Lernforschung ausführlich gezeigt. Die Bedingungen, unter denen der angemessene Erwerb abstrakter Konzepte und Prinzipien gelingen kann, sind recht gut erforscht: Es geht vor allem darum, eine intelligent organisierte Wissensbasis aufzubauen, bei der begriffliches Wissen anhand theoriegeleiteter und problemlösungsrelevanter Kriterien geordnet ist. |
![]() Gewicht ist nicht das, was sich schwer anfühlt, sondern was sich mit einer Waage messen lässt. Die Schüler müssen dazu ihr Alltagsverständnis
modifizieren und Begriffe sowie Prinzipien im Zuge einer konzeptuellen
Umstrukturierung und Erweiterung auf eine formalisierbare
Abstraktionsebene bringen. Dies bedeutet zum Beispiel im Fall des
Gewichtsbegriffs, dass man sein ursprüngliches Verständnis von Gewicht
im Sinne von "fühlt sich schwer an" durch das Verständnis ersetzt, dass
Gewicht das ist, was man mit bestimmten physikalischen Instrumenten wie
einer Balkenwaage oder einer Federwaage objektiv messen kann (di Sessa,
1993; Stern, 2005). |
![]() Umstrukturierung von Begriffswissen: von der Kraft als Anstrengung zum physikalischen Kraftbegriff Ein weiteres Beispiel für diese Art der Umstrukturierung von Begriffswissen besteht darin, die Alltagsvorstellung von Kraft als einer Art Anstrengung durch den physikalischen Kraftbegriff zu ersetzen und damit von einem durch Oberflächenmerkmale charakterisierten Alltagskonzept zu einem abstrakten Konzept fortzuschreiten, das seine Bedeutung im Rahmen eines physikalischen Erklärungsmodells besitzt. Diese Art der Umstrukturierung der Wissensorganisation nach theoriegeleiteten und problemlösungsrelevanten Kriterien ist die entscheidende Voraussetzung für die Anwendung von abstrakten Konzepten und Prinzipien auf oberflächlich unterschiedliche Phänomene aus Natur und Technik. Dabei kommt der Modellierung in einer formalen Schreibweise, wie sie die Mathematik und die Informatik liefern, eine zentrale Bedeutung zu: Erst Dank dieser geistigen Werkzeuge können nicht direkt wahrnehmbare Eigenschaften von Konzepten sowie Beziehungen zwischen Konzepten sichtbar gemacht werden (Stern, Aprea & Ebner, 2003). |
![]() Technik ans Vorwissen anbinden Der Bezug zur Technik kann dazu genutzt werden, um das Lernen mit
Wissensbezügen zu erweitern und naturwissenschaftliche Themen stärker
in reale Zusammenhänge einzubeziehen. Viele Schüler betrachten nämlich
beispielsweise Physik und Chemie als Formelsammlungen ohne jeden
Realitätsbezug. Technik basiert auf der gezielten Nutzung von
Naturgesetzen, die häufig in dieser Kombination in der Natur nicht
vorkommen. Beispiele aus der Technik eröffnen zahlreiche
Anknüpfungspunkte, um naturwissenschaftliche Inhalte mit einem klaren
Bezug zur Wirklichkeit zu versehen und auf vielfältige Weise an das
bereits vorhandene Vorwissen anzubinden. Allerdings kann nicht erwartet werden, dass Schüler diesen Bezug spontan oder bereits nach einer kurzen Erklärung herstellen. Auch wenn in der Schule Konzepte wie schiefe Ebene, Trägheit oder Gegenkraft ausführlich behandelt wurden, erkennen selbst die leistungsstärksten Schüler eher selten spontan, wo man sich diese Prinzipien in der Technik zunutze macht (Clement, 2008). Es gibt einige Belege dafür, dass tiefere Einsichten in abstrakte physikalische Prinzipien unterstützt werden können, indem Lernende mit unterschiedlichen Realisierungen aus der Technik konfrontiert werden, die sich zwar oberflächlich voneinander unterscheiden, die aber in wesentlichen Prinzipien übereinstimmen (Gentner, Loewenstein & Thomson, 2003). Weiter
unten wird noch ausführlich erörtert, in welcher Weise sich Fragen zur
Funktionsweise einfacher technischer Geräte gut eignen, um
Lerneinheiten einzuleiten, die auf das Verständnis abstrakter
physikalischer Prinzipien abzielen. Sind die Begriffe erst einmal
erworben und hat man gelernt, mit ihnen umzugehen, können sie auch auf
das Verständnis komplexerer technischer Zusammenhänge bezogen werden.
Hier bieten sich gerade an der ETH – insbesondere in den Departementen
D-MAVT und D-ITET – besonders attraktive Möglichkeiten, um die
Kompetenzen interessierter Schüler zu fördern. Alle Schweizer Gymnasien bieten in den letzten beiden Jahren vor der Matura spezielle Lerngelegenheiten wie zum Beispiel Maturarbeiten, interdisziplinäre Arbeitswochen und Ähnliches. In Zusammenarbeit mit den Fachdidaktikern und Fachwissenschaftlern aus dem D-MAVT und dem D-ITET ist daher geplant, im Rahmen dieser Lerneinheiten interessierten Schülern vertiefende Angebote zu machen, die gezielt auf die im naturwissenschaftlichen Unterricht behandelten Inhalte aufbauen. |
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