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Online oder Auge in Auge?

Ein Ziel der Schule ist es, Schülern kritisches Denken zu vermitteln. Sind Foren im Internet ein geeignetes Instrument, um kritisches Denken zu fördern? Oder eignen sich Gruppendiskussion im Schulzimmer besser? Im Grunde beides, lautet die Antwort einer Studie aus Schottland, auch wenn das online-Forum in dieser Untersuchung vorne lag.


Was kritisches Denken genau bedeutet, wird unterschiedlich definiert. Während manche Fachleute das Analysieren, Evaluieren, Beurteilen oder Reflektieren von Aussagen in den Vordergrund stellen, stammt eine alternative Umschreibung von Deanna Kuhn, Professorin für Psychologie an der Columbia Universität in New York.  Laut Kuhn beinhaltet kritisches Denken folgende vier Schritte:

  1. Die Fähigkeit zu unterscheiden zwischen dem eigenen Standpunkt (oder der eigenen Theorie) und der Evidenz, die diesen Standpunkt untermauert.

  2. Den eigenen Standpunkt (oder die Theorie) mit ungefälschter Evidenz zu untermauern.

  3. Alternative Theorien und Evidenzen zu formulieren.

  4. Eine Haltung einzunehmen, die das Abwägen und Evaluieren von Evidenz beinhaltet.


Die hier vorgestellte Studie - sie befindet sich bei "Learning and Instruction" im Druck - nahm die Vorschläge von Kuhn als Basis, um kritisches Denken bei Studenten zu untersuchen. Die Frage lautete: Bei welcher Diskussionsform zeigen die jungen Frauen und Männer mehr Anzeichen von kritischem Denken? In online-Foren  oder von Angesicht zu Angesicht? Untersucht wurden 55 Psychologiestudentinnen im ersten Semester. Die einzelnen Aussagen der Studentinnen und Studenten wurden in 21 Kategorien eingeteilt, wie z.B. "offeriert alternative Erklärung", "ist einverstanden", "wägt Evidenz ab" oder "rechtfertigt basierend auf Evidenz". Während je zwei Wochen wurde ein wissenschaftlicher Artikel entweder online oder in kleinen Gruppen diskutiert. Danach wechselte die Diskussionsform.

Über alles gesehen, lieferten die online-Diskussionen mehr Anzeichen von kritischen Dialogen. Zum Beispiel wurden Begründungen signifikant häufiger mit Beweisen untermauert,  als dies in den persönlichen Diskussionen geschah. Die Studenten selbst schätzten ausserdem die Möglichkeit, in einem online-Forum Zeit zum Nachdenken und Nachforschen zu haben.

Das online-Forum erwies sich dann am wirksamsten (= am meisten Aussagen aus der Kategorie "Evidenzen gegeneinander abwägen"), wenn die jungen Studierenden zuerst die Möglichkeit hatten, in einer persönlichen Diskussion spontan Ideen und Meinungen auszutauschen.

Die Empfehlungen der Autoren an Lehrpersonen lautet deshalb: Soll ein Thema von den Schülern kritisch hinterfragt werden, eignet sich zu Beginn die persönliche Diskussion, um Schülerinnen und Schüler spontan Meinungen und Ideen austauschen zu lassen. Die darauffolgende online-Diskussion gibt ihnen die Möglichkeit, die Diskussion zu reflektieren, weitere Quellen beizuziehen und  Argumente schriftlich auszuformuliert mit Evidenz zu untermauern.

Quelle:

Jane Guiller et al: Peer interaction and critical thinking: Face-to-face or online discussion?
Learning and Instruction, article in press

4. Februar 2008

 

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