Wie funktioniert Wissenschaft? Ein Ratespiel.
Viele Schülerinnen und Schüler betrachten Wissenschaft als eine starre Sammlung von Formeln und Fakten. Ein Spiel kann hier Abhilfe schaffen: Rund eine Lektion dauert das Ratespiel, das den Schülerinnen und Schülern die dynamische Natur der wissenschaftlichen Arbeitweise vor Augen führt.
Das Spiel wird in der Mai-Ausgabe des Fachjournals "Journal of College Science Teaching" beschrieben. Ziel des Spiels ist es, den Schülerinnen und Schülern die dynamische Natur der Wissenschaft vor Augen zu führen.
Und so funktioniert das Spiel:
- Die Lehrperson fragt die Schülerinnen und Schüler, wer sich freiwillig als Wissenschafter melden möchte. Unter den Freiwilligen wählt die Lehrperson vier Schülerinnen und Schüler aus. Diese müssen (dies weiss zu diesem Zeitpunkt nur die Lehrperson) gegensätzliche Merkmale aufweisen. Also z.b. zwei Schüler mit blonden Haaren und zwei Schüler mit dunklen Haaren. Oder zwei Schüler mit Brille und zwei Schüler ohne Brille. Oder zwei Jungen und zwei Mädchen. Die Merkmale (Brille, dunkle und helle Haare, Jungen, Mädchen) müssen in der Klasse ebenfalls vertreten sein. Werden also zwei Brillenträger und zwei Nicht-Brillenträger ausgewählt, müssen auch in der Klasse mehrere Brillenträger zurückbleiben.
- Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter werden aus dem Raum geführt. Die Lehperson erklärt den zurückgebliebenen Schülern, sie seien eine "neue Kultur", die nun erstmals von Wissenschaftern entdeckt werde.
- Die Klasse wird informiert, dass diese "neue Kultur" drei strikten Regeln folge:
a) Die Mitglieder der "neuen Kultur" können nur "ja" und "nein" sagen.
b) Wenn ein Wissenschafter lächelt, antworten die Mitglieder der "neuen Kultur" mit "ja", wenn er nicht lächelt, sagen sie "nein".
c) Ein Mitglieder der "neuen Kultur" antwortet jeweils nur jenen Wissenschaftern, die dasselbe Merkmal aufweisen. Stellt also ein blonder Wissenschafter eine Frage, antworten nur die blonden Mitglieder der "neuen Kultur". Beim Geschlecht gilt die umgekehrte Regel: Mädchen antworten nur auf die Fragen von Buben, und Buben antworten nur auf die Fragen von Mädchen.
- Die Lehrperson gibt der Klasse ausserdem die Anweisung, sich unauffällig Notizen über das Verhalten (Arbeitsweise, gute Ideen) der Wissenschafterinnen und Wissenschafter zu machen.
- Die Wissenschafter werden nun informiert, dass sich im Klassenzimmer eine neu entdeckte Kultur befinde. Nun gelte es, möglichst viel über diese neu entdeckte Gesellschaft herauszufinden (es wird nichts über die Existenz der Regeln verraten).
- Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter betreten das Klassenzimmer und beginnen, Fragen zu stellen. Fragt beispielsweise ein Brillenträger mit ernster Miene: "Wer ist euer Anführer?", dann antworten alle Nicht-Brillenträger: "Nein."
- Nach einer Weile werden die Wissenschafter realisieren, dass diese - an die gesamte Gesellschaft gerichteten - Fragen nicht viel bringen. Sie wechseln (evt. angeregt durch die Lehrperson) die Vorgehensweise und beginnen mit Einzelninterviews mit den einzelnen Teilnehmern der neuen Kultur.
- Die Lehrperson regt die Wissenschafter an, Gefundenes an die Tafel zu schreiben (beispielsweise wird bald klar, dass diese Leute nur ja und nein sagen können). Werfen Wissenschafter eine Idee auf ("diese Leute sagen immer zweimal ja und dann zweimal nein!", ermuntert sie die Lehrperson, die Hypothese zu testen.
- In der Regel dauert das Entdecken der ersten beiden Regeln nicht sehr lange. Die dritte Regel (weshalb sagen die Leute ja oder nein) stelle hingegen eine Knacknuss dar und bringe auch Frustrationen mit sich, schreibt die Autorin des Artikels, Ann Cavallo von der Universität von Texas Arlington.
- Ist das Rätsel schliesslich gelöst, sei die Erleichterung stets deutlich zu spüren und werde mit einem Applaus der "neuen Kultur" belohnt, schreibt Cavallo.
Am Ende des Spieles bleibt die Frage, was die Schülerinnen und Schüler gelernt haben. Cavallo schlägt vor, die Arbeitsweise der Wissenschafter mit der Klasse zu besprechen. Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter haben beispielsweise
- Beobachtungen notiert
- Hypothesen formuliert und getestet
- miteinander kommuniziert
- mit falschen Vorstellungen gearbeitet ("die lügen ja" oder "die hören mir ja gar nicht richtig zu")
- Frustrationen erlebt
- manche guten Ideen nicht weiterverfolgt, andere hingegen schon, die ins Leere führten.
Die Liste liesse sich noch lange fortführen. Laut Cavallo sind diese Prozesse auch Teil der Wissenschaft und lassen die Schüler "the nature of science" besser verstehen und nachvollziehen.
Quelle:
Ann Cavallo: Experiencing the Nature of Science: An Interactive, Beginning-of-Semester Activity
Journal of College Science Teaching May / June 2008
2. Juni 2008